Jan 24, 2013

Debatte Kinderbuchanpassung – der Weg ist das Ziel

Leipziger Buchmesse
Dieser Gastbeitrag wurde von @_maitai_ und @interchris verfasst und mir freundlicherweise zur Veröffentlichung auf GCB zur Verfügung gestellt. 

Seit geraumer Zeit treibt die Debatte um die Streichung von rassistisch oder grundsätzlich diskriminierenden Inhalten aus Kinderbüchern die Republik um. Während einige Stimmen den Vorstoß von Ministerin Kristina Schröder befürworten, sprechen sich doch einige dagegen aus. Folgende zentrale Argumente der Kritiker haben bisher in mir allerdings eher Unverständnis hervorgerufen:

Den Vorwurf der Zensur von zeitgeschichtlichen Dokumenten finde ich unhaltbar: Volksverhetzende Schriften werden ja auch aus dem Verkehr gezogen - wie es sich in einem Rechtsstaat gehört. Und selbst wenn der Staat nicht lenkend eingreift, treffen Verleger regelmäßig kommerzielle Entscheidungen, z.B. Wörter zu ändern um die Relevanz ihrer Produkte zu gewährleisten.

Auch die Aussage, so habe man früher einfach geredet, lasse ich nicht gelten. Andere Wörter, die früher öfter oder anders verwendet wurden, werden sonst auch ohne großes Aufheben an die Neuzeit angepasst: Man würde z.B. sicher Base und Oheim mit Cousine und Onkel in der kleinen Raupe Nimmersatt ersetzen, ohne Empörung hervorzurufen.

Bestimmte andere Begriffe sind allerdings nicht nur veraltet, sondern viel eindeutiger untragbar, weil ihre Bedeutung in der heutigen Gesellschaft als verwerflich anerkannt ist. Dazu gehören zum Beispiel antisemitische und menschenverachtende Begriffe aus der Nazizeit. Diese heute wider besseres Wissen weiterhin zu benutzen, wird zu Recht nicht in Frage gestellt. In diesem Zusammenhang nimmt der Staat eine eindeutige normative Rolle ein und schreibt selbst der sonst künstlerfreiheitlich geschützten Kultur ihre Grenzen vor. Das Verbieten bestimmter Begriffe wird zwar sicherlich nicht die tiefer sitzende Diskriminierung ausrotten, aber führt zumindest dazu, dass der Staat eine klare Position bezieht und die Betroffen schützt.

Diese werden in der Debatte leider gerne übersehen. Für viele Deutsche ist Deutschland ein - mit wenigen Ausnahmen - weißes Land. Nicht-weiße Deutsche sind in der Öffentlichkeit unsichtbar. Deswegen werden ihre Belange und Gefühle nicht ernst genommen, gar ins Lächerliche gezogen (“political correctness”). Selten verstehen die Gegner einer Sprachaktualisierung, dass es nicht nur für junge Leser, sondern auch ihre Familien schlicht und ergreifend verletzend ist, mit diskriminierende Begriffen, die ihnen vielleicht gestern noch an den Kopf geworfen wurden,  in einem vermeintlich ‘sicheren Bereich’ wie einem Kinderbuch konfrontiert zu werden. Ich würde sogar soweit gehen und vermuten, dass die Gegner der Entfernung des N-Worts, die scheinbar der meinungsgebenden Mehrheitsgruppe angehören, die Problematik, die mit diesen Begriffen einher geht, selten erfassen: Welche Schimpfwörter hören weiße Deutsche, die man nicht einfach souverän abschütteln könnte? Welche scheinbar sozial akzeptieren Wörter geben weißen Deutschen das Gefühl, unerwünscht, unterlegen und wertlos zu sein?

Daher bietet die öffentliche Diskussion, allein deren Existenz schon eine bemerkenswerte Errungenschaft ist, die Möglichkeit, all diese Belange stärker in den Mittelpunkt zu rücken.

Aus diesem Grund erscheinen mir folgende Fragen, die mit der Umsetzung einhergehen könnten und die für mich in dem Diskurs entschieden zu kurz kommen, viel relevanter als die für mich rhetorische Frage nach dem ‘ob’ :

  • Wie weit kann / darf / sollte der Staat überhaupt in die Kunst eingreifen?
  • Was passiert mit absichtlich aufhetzenden Schriften / hate speech?
  • Wo fängt Rassismus an und wo hört er auf?
  • Was ist mit homophoben oder frauenverachtenden Inhalten?
  • Wie verfährt man mit kritischen Passagen oder Kapiteln?
  • Inwieweit haben die Autor_innen ein Mitspracherecht? Wie wird das Urheberrecht gewahrt?
  • Sollten Begleitmaterialien für Eltern, die die Möglichkeit geben, populäre Schriften kritisch zu vermitteln und sogar zu dekonstruieren, bereitgestellt werden?
  • Könnte ein eingefügtes Vorwort helfen, auf bestimmte Ambivalenzen hinzuweisen?
  • Und wie kann das alles überhaupt finanziert werden?

Ziel der Debatte sollte es eigentlich sein, zu verhindern, dass Kinder und Erwachsene jeglicher Hautfarbe ggf. gegen ihren Willen diskriminierendem Gedankengut ausgesetzt werden -  schließlich werden nicht alle Kinder in einem Umfeld groß, in dem jene Aspekte kritisch vermittelt werden. Das Erhalten einer Blase, in der gedankenlos Menschen verachtende Begriffe und das dazugehörige Gedankengut vor sich hin wuchern, sollte nicht über dem Recht des einzelnen stehen.

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